| Doch auch Kaufhausbrände und Anti-Bild-Kampagne
konnten den Siegeszug der Werbung nicht stoppen, und mit Charles Wilp, der
Nonnen in den "Afri Cola"-Rausch versetzte, machte sich erstmals
ein Vertreter des bis dato unsichtbaren Berufsstand als Person einen Namen
in der Öffentlichkeit. Ein Tabubruch, der sofort die Konkurrenz auf
den Plan rief, die scheinheilig moralische Mängel des Spots beanstandete
und darauf verwies, der Name des Auftraggebers sollte sich den Verbrauchern
einschreiben, nicht der des ausführenden Elements.
Im Zuge der Lifestyle-Werbung wurde auch das Design wichtig, denn die
Produkte hoben sich meist nur noch durch ihre Form voneinander ab, und
das täglich´ Brot der meisten Designer hieß "Produktdifferenzierung":
in realiter baugleiche Maschinen waren durch verschiedene Klebeleisten
und Knöpfchen als Markenartikel identifizierbar zu machen.
Das Grafikdesign durchlebte einen Bedeutungswandel und wurde vom Funktions-
zum Imageträger, Kreative waren meist nur noch Bildlieferanten für
Marketingspezialisten. Die Standes-Elite schlug sich derweil mit ethischen
Problemen (Designer = Kapitalisten?) und dem Verhältnis von Form
und Funktion ´rum. Die Frage ging letztlich aus wie das Hornbacher
Schießen, doch jeder hatte eine Antwort parat. Mindestens eine.
Noch ein Wort zur Mode, die den Zipfel der vorbeieilenden Hippie-Zeit
rasch aufgriff, den Stilmix kommerzialisierte und das arrogant-ignorante
Paris darüber arg ins Wanken brachte. Einzig André Courrège
mit seinem schnörkellosen, geometrischen Astro-Stil, Paco Rabanne
mit seinen aus Alu-Platten-Kleidern und Pierre Cardin griffen die Impulse
vorbehaltlos auf und ließen sich als "Yé-Yé"-Schule
(vom britischen "Yeah Yeah" abgeleitet) verspotten.
Die ´68er etablierten freiere, ungezwungene Kleidung und verbannten
mit ihrer "Schlamp-Attacke" die scharfe Trennung von Tages-,
Abend- und Freizeitkleidung. Cordhose, Jeans und Rolli standen für
die Solidarisierung der Intellektuellen mit Nichtakademikern - trotz allem
eine reichlich elitäre Attitüde. In einer Zeit, als Frauen außer
Haus noch immer nur ungern in Hosen gesehen wurden, galt das allerdings
als antibürgerlicher Affront erster Güte.
Aber die wahre Mode-Hauptstadt hieß damals Swinging London mit
seiner Carnaby-Street. Hier waren es nicht nur Kunststudenten, sondern
vor allem auch Musiker, die den ´68ern ihren optischen Stempel aufdrückten.
Mary Quant hatte für diese Zwischengeneration eine ähnliche
Funktion wie Vivien Westwood für den Punk (und sorgte ähnlich
wie Malcolm McLaren mit ihrer Gesamtkonzeption der Boutique als Trendsetter
und Subkultur-Treffpunkt für Furore). Ob sie den Minirock letztendlich
erfunden hat, bleibt jedoch umstritten. Diesen trug frau mit flachen Stiefeln
und weißen Kniestrümpfen - doch was heißt hier "frau":
neue Schönheitsideale waren vorpubertäre Models à la
Twiggy und Jean Shrimpton mit rundungsfreien Plättbrettfiguren! Eine
Absage auch an die traditionelle Mutterrolle?
Visuelle und mediale Großereignisse der damaligen Zeit waren vor
allem die Olympiaden in Mexico 1968 und München 1972. Ihnen verdanken
wir die kleinen Piktogramme für die einzelnen Sportarten: nonverbal,
gleichwohl international verständlich! (Nach dem gleichen Prinzip
funktionierten auch Mitteilungen, die die "Apollo 11"-Crew 1969
für einen etwaigen Mann im Mond parat hielt!).
In Mexico stand die OpArt mit ihrem flimmernden Lineament Pate für
die visuelle Olympia-Ausstattung, und in München kämpfte Otl
Aicher für ein einheitlich modernes Erscheinungsbild der "Weltstadt
mit Herz": "Corporate Design" als ultimative Designer-Aufgabe
Anno ´68, ob für die British Railways, Mobil Oil, Xerox oder
eben ganze Städte.
Die junge deutsche Grafiker-Generation grenzte sich damals von der alten
Garde aus NS-Zeiten ab und suchte zugleich an den Bruch in den 30er Jahren
anzuknüpfen, agierte traditionsmäßig praktisch im Vakuum
und griff begierig Anregungen der amerikanischen Kunst auf (OpArt, PopArt,
Rothko, Comics etc.). Der reine Funktionalismus wich zugunsten der Emotion:
irrationale, organische Formen und kontrastreiche Farben - das Leben war
ein Spiel!
Amüsant zu sehen, daß sich die Amerikaner zur gleichen Zeit
bei europäischem Expressionismus und Dadaismus bedienten und vor
allem die Ornamentik des Jugendstil für ihre Plakate adaptierten.
Poster wurden nun zum Vehikel der Pop-Kultur, und im Paris der bürgerkriegsähnlichen
Studentenrevolte hatte ihr Einsatz auch handfeste kommunikative Gründe.
Überhaupt bemühten sich die ´68er um den Aufbau einer
alternativen Presse (in der BRD entstand u. a. "Pardon"), wie
es die Underground-Zeitschriften der amerikanischen Westcoast vormachten.
Sie nahmen sich ungewöhnlicher, tabuisierter Themen an (Pornographie,
Drogen, Revolution) und realsierten ein psychedelisches Fantasy-Design.
Vorreiter dieser neuen Magazingrafik in Deutschland war "Twen",
das sich von der Studentenzeitschrift zum Publikumsobjekt mauserte, allerdings
nicht im Hippie-Layout, sondern in Anlehnung an die neue Fotographie:
alles war Material, Bilder wurden angeschnitten, stark vergrößert
oder gestürzt.
Die internationale Studiofotografie ging buchstäblich auf die Straße
und "inszenierte" ihre Shootings. Models wurden in Aktion abgebildet
und taten alles, nur nicht stillstehen! Die altbackene Grazie wurde über
Bord geworfen, Attitüden waren wichtiger als die Mode selbst.
In der Musik schlug sich das "neue Sehen" in bewußter
Cover-Gestaltung nieder, man denke nur an der Beatles "Sgt. Pepper"
(als erstes Klappalbum und überdies mit komplettem Textabdruck!),
wo Peter Blakes aufwendige Collage Modernität und Nostalgie verschmolz.
Die Stones übertrafen dies kurz darauf noch mit der bis dato teuersten
Albumgestaltung für "Her Satanic Majesties Request". Und
Comiczeichner Robert Crumb durfte sich am Cover für "Cheap thrills"
verkünsteln, einer Platte von Janis Joplin and The Holding Company.
Die Merchandising-Welle rollte langsam an, Pop wurde zum Lifestyle mit
den zugehörigen Devotionalien. Und in Übersee war Bob Dylan
seiner Zeit mächtig voraus: ´65 drehte er den ersten Video-Clip
aller Zeiten zum "Subterrean Homesick Blues" und warf mit Texttafeln
um sich, während sich Allen Ginsberg im Hintergrund zeigte.
Ende der 60er Jahre verpaßten sich auch deutsche Literaturverlage
eine eigene Optik: der dtv (´61 gegründet) engagierte den Schweizer
Grafiker Celestino Piatti, der die Cover mit seinen Krakel-Zeichnungen
versah. Im Hause Suhrkamp (seit ´59 unter der Leitung von Siegfried
Unseld) stattete Willy Fleckhaus die Produkte mit neuem Outfit aus, Taschenbücher
wurden zumeist in eine einzige Farbe gesteckt, und mehrere Bücher
ergaben so im Regal eine bunte Palette. Einen Klassiker landete Fleckhaus
mit der Reihe "bibliothek": Einfachheit und Vernunft standen
den Umschlägen eingeschrieben - auch sie einfarbig und nur durchbrochen
von einem schmalen horizontalen Streifen. Farbe, Form und Schrift harmonierten
zeitlos modern!
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