| Popkomm
99-Nachbetrachtung kurz, knapp und schmerzlos von Kai Florian Becker |
![]() |
72 Stunden in einer fremden Stadt
Erschreckend war auch der Andrang bei den Konzerten. Jeder Geheimtip entwickelte sich im Nu zum Kassenschlager. Bei Mouse On Mars war Aus die Maus. Saal voll. Wir, Kollege Keimel und ich, draußen. Pech gehabt. Also mit dem Camel-Shuttle (kostenloser Fahrdienst mit kostenlosem Testrauchen inklusive) zum Neptunbad. Wir erinnern uns: DJ Koze (Fischmob) und DJ Coolmann (5 Sterne Deluxe) ließen dort die Plattenteller rotieren. Allerdings wieder ohne uns, denn die sechsreihige Warteschlange ging bis zur Hälfte des Vorplatzes. Flugs weiter ins Underground wo unsere Saarbrücker Kollegen Steakknife vor einer etwas angenehmeren Kulisse (ohne nerviges Gedränge, dennoch gut gefüllt) auftrumpfen durften und dies auch taten. Zuvor überzeugten Fetish 69 mit ihrem "neurotic noise attack changed into horror electronic chill out", was ich eine mehr als gelungene Umschreibung finde. Der geflüsterte Schreigesang (ja, ihr habt richtig gelesen!) war endlich wieder mal was Innovatives auf diesem Sektor. Das war dann auch schon der Freitag, den ich tagsüber mit dem Schreiben eines Artikel über die Popkomm, einer Pressekonferenz des WDR anläßlich der im September startenden Sendereihe Pop 2000 und einer weiteren von der Initiative "Copy Kills Music" verstreichen ließ. Einen Tag zurück in der Zeitrechnung: Donnerstags waren Roland, Chefredakteur Walter Mitty und ich nach einem Zwischenstop beim Vietnamesen auf dem Eröffnungskonzert der Popkomm. Es spielten Sportfreunde Stiller, Beangrowers, Stereophonics, dEUS und Tindersticks. Wir sahen noch Stereophonics, dEUS und Tindersticks. Zum einen war die Fahrt zum E-Werk eine ins Blaue (Ich sage mal, wir steigen hier aus. Den Rest bewältigen wir mit dem Taxi.), zum anderen hatte vorher der Koch mein Essen vergessen. Die Verspätung war nicht geplant. Gern hätte ich Beangrowers gesehen. Stereophonics hingegen waren öde, dEUS aber genial und Tindersticks gut, doch zu melancholisch für meine schweren Lider. Gute Nacht. Nach Freitag und Donnerstag kommt jetzt wohl Samstag. Herr Mitty war schon auf dem Heimweg, da schlenderten Roland und ich von Stand zu Stand, rauchten wie Schlot, tranken Kaffee wie Wasser und schütteten feuchte Promoterhände. Der eine Smalltalk hier, der andere dort. Da mußten wir und vorher beim Buffet des Magazins Raveline stärken. Weiß-blaues Buffet wohlgemerkt. Weißwurst, süßer Senf, Brezeln, Fleischkäse, Kartoffelsalat und Käsehäppchen. Ein Gedicht. Danach konnte die Schlenderei richtig losgehen. Erst am späten Nachmittag waren wir des oberflächlichen Redens müde und kamen mit der Managerin von Vivid und Bandaloop ins Gespräch. Die fand uns wohl auch ganz nett, und so verbrachten wir den ganzen Abend mit ihr. Zumindest zeitweise. Erst gingen Roland und ich noch zu einem leckeren Chinesen futtern (Restaurant im 70er-Jahre Stil) und machten uns gut gesättigt zum Gebäude 9 auf. Wieder eine Fahrt ins Ungewisse. Genaue Ortsangaben hatten wir nicht, stiegen einfach auf Verdacht aus und kamen doch am rechten Ziel an. Rechtzeitig um den Strom der Konzertbesucher zu sehen, der den Club verließ und sich begeistert von der eben dargebotenen Show zeigte. Console mußten wohl echt gut gewesen sein. Shit! Wir kamen auch zu Tied & Tickled Trio nicht rein. Es sei zu voll hieß es; man wolle erst checken, ob nicht ein paar Besucher gehen würden; dann könnten wir nachrutschen. Toll. Wir stellten uns in den Hof und sahen/hörten den House-DJs zu. Cooler Sound. Zu letzten Lied kamen wir dann gnädigerweise rein und waren irgendwie froh, zuvor draußen gewesen zu sein. Die Musik war eigentlich toll, nur der Saxophonist war scheiße. Frejazz-Sax auf coole Easy Listening-Mucke ist nicht gut. Danach war Umbaupause - zumindest dachten das alle. Am Mischpult machte sich ein unbedeutender Blonder an Drumcomputern, Keyboards, Bass-Synthesizer und anderem elektronischen Gerät zu schaffen und zauberte sehr gute Elektro-Musik, die förmlich zum Mitwippen einlud. Was wie eine Umbaupause anmutete war Blond, die Einmannband auf 'Payola'. Unterdessen vertieften sich die Gespräche mit der Vivid-Frau ins Unergründliche. Fragen wie "Warum schreibst du?" und Diskussion über Rausschmeissersongs ließen unsere Gehirnzellen auch um 3 Uhr morgens nicht zur Ruhe kommen. Irgendwann konnte ich mich - kurz vor dem fast obligatorischen Endstop beim Mexikaner - abseilen und in die weichen Federn springen. Schließlich mußte ich sonntagfrüh einen weiteren Artikel schreiben. Dazu brauchte ich wenigstens ein paar funktionstüchtige Gehirnzellen. So, das war die Popkomm '99. Den Sonntag gibt es eigentlich nicht. Die Messehallen sind wie leer gefegt und nur selten Blöde versuchen an diesem Tag, Promoter aufzuspüren und Business zu machen. Nach 72 Stunden Terror schreit jeder Körper nach Erholung. Ich schlief in der Nacht von Sonntag auf Montag 13 Stunden. (kfb)
Weitere Artikel: |
|